Donnerstag, 11. Oktober 2012

Der Besuch der alten Dame


 



von Dürrenmatt

Erschienen:
Januar 1999 im Diogenes Verlag

Seiten:
160 Seiten












Wieviel ist ein Menschenleben wert? Würdest du für eine halbe Milliarde einen Menschen töten? Diese Frage müssen sich die Einwohner der Städtchens Güllen stellen. Doch zu welchem Ergebnis werden sie kommen?




Dieses Buch steht in vielen Schulen auf dem Lehrplan. Da ich das Buch in Deutsch nie gelesen habe, dachte ich mir, es ist an der Zeit auch mal ein Buch von Dürrenmatt zu lesen. Außerdem steht das Buch auf meiner SuB-Abbau-Challenge-Liste, also habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.



Das Cover ist so ganz anders als andere Cover, die ich bisher gesehen habe. Das liegt vor allen Dingen daran, dass es eher abstrakt auf mich wirkt und man im ersten Moment die alte Dame, um die es im Buch geht, gar nicht erkennt. Bei genauerem Hinsehen kann man sie aber deutlich ausmachen und sie wirkt, ähnlich ihrem Charakter im Buch, gefährlich, kalt und übermenschlich. Wie eine riesige Puppenspielerin, die ihre Marionetten dirigiert und manipuliert.
 
 


 Die alte Dame ist in diesem Buch eindeutig der Bösewicht und ich muss gestehen, dass ich sie von Anfang an nicht leiden konnte. Sie ist so von Hass erfüllt und lebt so sehr in der Vergangenheit, dass sie ihre Gegenwart gar nicht wahr zu nehmen scheint. Sie ist kalt und scheint der festen Ansicht zu sein, dass man die ganze Welt regieren kann, wenn man nur genug Geld hat. Zusätzlich scheint sie immer anderen die Schuld dafür zu geben, was in ihrem Leben bisher schief gegangen ist.

Die anderen Charaktere im Buch waren für mich weitaus weniger greifbar und irgendwie haben sie mir schrecklich leid getan, dass man sie in eine solch moralisch verzwickte Lage gebracht hat. In gewisser Weise konnte ich durchaus mit ihnen mitfühlen, auch wenn mir einige Handlungen nicht ganz begreiflich waren.



"Der Besuch der alten Dame" ist ein tragisches Theaterstück in 3 Akten und eben auch als solches geschrieben. Durch die vielen Bewohner der Stadt, die im Stück vorkommen ist es mir doch sehr oft schwer gefallen den Überblick zu behalten und zu verstehen, wer wer ist und wie die verschiedenen Personen zueinander stehen. Man kann das Stück zwar recht schnell lesen, aber mich hat es oft verwirrt, wenn aus einem Stadtbewohner auf einmal ein Hintergrundobjekt wurde.




Die Handlung an sich fand ich durchaus spannend. Das in einem Buch die Frage aufgeworfen wird, wieviel ein Menschenleben wert ist, finde ich sehr tiefgründig. Umso mehr hat mich dann aber der Charakter der alten Dame erschreckt. Wie kann man nur Menschen mit Geld ködert, damit sie jemanden aus ihrer Mitte umbringen? Nur weil dieser ehemalige Geliebte sie schwanger verlassen hat, heißt das nicht, dass man das Recht hat, sich auf diese Weise an ihm zu rächen.

Als noch viel schlimmer empfand ich es, dass Claire (die alte Dame), dass alles schon lange geplant hat und das ganze Dorf systematisch runtergewirtschaftet und alle Bewohner an den Rand ihrer Existenz gebracht hat, nur um an einem einzigen Mann Rache zu nehmen. Wie krank ist das denn?
Dürrenmatt hat mit diesem Buch eine Geschichte zu Papier gebracht, die vielleicht von der Grundidee unwahrscheinlich ist, aber die Reaktion der Güllener Bürger auf das durchaus unmoralische Angebot der alten Dame ist sehr realistisch.

Das Stück hat mir sehr zum Nachdenken angeregt, was bei vielen Büchern leider nicht vorkommt. Außerdem hat Dürrenmatt mir mit Claire eine Hauptperson gegeben, die ich wirklich und wahrhaftig nicht ausstehen kann und von der ich mehr als einmal angeekelt war.

Das Stück ist leider teilweise sehr verwirrend, denn es wechselt mitten im Akt die Orte und Bürgen werden auf einmal zu Hintergrundrequisiten. Auch ist es mir oft schwer gefallen die  Menschen in Claires Gefolge richtig ein zu ordnen. Ganz zu schweigen von der aberwitzigen Anzahl an Ehemännern, die sie in ihrem Leben verschleißt.

Abschließend kann ich nur sagen, dass das Buch wirklich lesenswert ist und einen zum Grübeln anregen kann.
 

 it was ok it was ok it was ok it was ok it was amazing



Kommentare:

  1. Klingt ja gar nicht schlecht - für eine Schullektüre. Mir fehlt auch bei vielen Büchern der Tiefgang. Oft habe ich das Gefühl, immer wieder das Gleiche zu lesen mit Charakteren, die keine "wirklichen" Probleme/Emotionen haben.

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  2. Hey! habe gerade deinen tollen Blog entdeckt und bin direkt mal leserin geworden :)
    Vielleicht hast du ja auch mal Lust bei mir vorbei zu schauen :)
    http://ninasbuecher.blogspot.de/

    Liebe grüße Nina

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  3. Hi, ich hab mir immer vorgenommen, mal wieder ein paar Klassiker zu lesen,aber meist bleibt es bei dem Vorsatz. Aber den Besuch der alten Dame hab ich auch noch hier rumstehen und werd ihn jetzt doch mal anfangen..Danke für den Anstoss :-) L.G. Annette

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  4. Liebe Sunny,
    durch Zufall bin ich auf deinen Blog gestossen und neben all den Fantasybüchern fand ich die alte Dame eine interessante Abwechslung.
    Ich kenne das Buch noch aus der Schule und habe es vor kurzem wieder gelesen, weshalb ich deinen Beitrag etwas verwirrend fand - deine Beschreibung der Personen und der grundsätzlichen Thematik klang so gar nicht nach "Der Besuch der alten Dame". Vor allem deine Einschätzung von Claire Zachanassian als "Bösewicht" will mir nicht recht einleuchten.
    Sie hat sich ganz und gar nicht selbstverschuldet in ihre missliche Lage gebracht, oder wie beurteilst du eine Siebzehnjährige, die ungewollt schwanger wird, dann von ihrem Freund verleugnet, mittellos und arm das Dorf verlassen muss und zu allem Überfluss noch ihr Kind verliert. Rache ist eine zutiefst menschliche Reaktion und Claire hat die wirtschaftliche Macht, sie auszuführen. Natürlich ergreift sie eine sehr extreme Maßnahme der Vergeltung, doch entstammt diese nicht einem bösen Charakter, sondern der Situation, in die sie gebracht wurde. Die 45 Jahre, die sie allein für ihre Rache gelebt hat, haben sie ihre Empathie und Teile ihrer Menschlichkeit verlieren lassen – aber sie ist dabei nicht die Einzige: Innerhalb der kurzen Zeit, in der sie in Güllen residiert, verwandeln sich auch die Bürger der Stadt in kalte, unbarmherzige, auf ihren eigenen Vorteil bedachte Unmenschen. Der Unterschied ist, dass dieser Prozess bei Claire aus dem Verlust all dessen entsprang, was das menschliche Dasein ausmacht, nämlich ihrer Würde, ihrer Heimat und ihrem Kind. Den Güllenern geht es nur um Geld. Dürrenmatt bannt das ganze Ausmaß menschlicher Abgründe auf die Bühne, er lässt mit der alten Dame die personifizierte Korruption auf oberflächlich unbescholtene Bürger prallen und zeigt treffend, wie dieses menschengemachte Übel ganze Gesellschaften zum Einsturz bringen kann. Es geht dabei nicht in reiner schwarz-weiß-Sicht um „Gut“ und „Böse“, die menschliche Natur hat viel mehr Facetten, die sich natürlich nicht einfach zuordnen lassen.
    Ich denke, dieses Stück beinhaltet weit mehr als in deiner Rezension beschrieben – vielleicht liege ich mit meiner Einschätzung falsch, aber in jedem Fall würde sich ein zweiter Blick auf das Buch lohnen.
    Ich würde mich über mehr Rezensionen klassischer Werke sehr freuen, wie wir hier sehen zeigen sie mehr Aktualität als viele moderne Bücher.
    Liebe Grüße,
    Jana

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    1. Hallo Jana,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich finde es immer gut, wenn man durch einen Kommentar wie deinen zu einer gewissen kleinen "Diskussionsrunde" kommen kann.

      Ich wollte es mir aber auch nicht nehmen lassen mich zu eingen deiner Punkte meine Meinung zu äußern.

      Zuerst muss ich anmerken, dass es nicht meine Absicht war, eine tiefgreifende Rezension mit allen Interpretationen und "Was uns der Autor damit sagen will" Intensionen zu schreiben. Deshalb geben ich dir recht, wenn du sagst, es steckt noch sehr viel mehr in dem Buch, als man vielleicht beim ersten Lesen mitbekommt.

      Nun muss ich aber auch sagen, dass Claire meiner Meinung nach nicht komplett unverschuldet in diese Lage gekommen ist. Denn damit ein Kind entsteht bedarf es immer zwei Personen und Claire dürfte, zumindest was das betrifft, gewusst haben, was passieren kann. Sicherlich ist ihr übel mitgespielt worden und sie trägt an vielen Dingen, die ihr passiert sind keine Schuld, aber selbst das ist in meinen Augen kein Grund und keine Rechtfertigung für ein solches Verhalten.

      Rache kann nie eine Lösung sein. Mag sein, dass es Claire befreit hat, aber im Endeffekt, macht diese Rache nichts wirklich besser. Und wenn man dann wie Claire auch noch ein ganzes Dorf mit zum größten Teil Unschuldigen mit in seine Pläne hineinzieht, dann denke ich schon, dass man Claire als Bösewicht bezeichnen kann. Die Tatsache, dass das Dorf in dieser finanziellen Lage ist, ist zu einem nicht unerheblichen Teil Claires Schuld. Damit bringt sie viele an ihre existenzielle Grenze, nur um an anderen Rache zu nehmen.

      Ich gebe dir vollkommen Recht, wenn du sagst, dass die Dorfbewohner innerhalb von kurzen Zeit zu Unmenschen werden. Aber umso schlimmer, dass Claire die Menschen in eine solche Situation bringt. Wenn sie denn unbedingt Rache nehmen muss, damit es ihr besser geht, dann sollte sie wenigstens so viel Anstand und Mut haben, das selbst zu tun und nicht verlangen, dass Unschuldige sich an ihrer Stelle die Hände schmutzig machen.

      Wenn man das Ganze dann auch noch weiterdenkt, dann wäre es durchaus möglich, dass irgendwann die Kinder von Alfred Rache nehmen. Das würde zu einem Teufelskreis führen, der nur in Gewalt enden kann und unter dem nur Unschuldige leiden müssen, weil jemand eine offene Rechnung mit einem anderen hat. Wann ist denn bei Rache mal etwas Gutes heraus gekommen?!

      Ich verstehe gut, dass Dürrenmatt sehr viel Gesellschaftskritik in dieses Werk gelegt hat und dass man sich stundenlang über verschiedene Interpretationsmöglichkeiten unterhalten könnte, aber genau das wollte ich bewusst nicht. Ich habe es vielmehr sehr genossen endlich mal eine Schullektüre lesen zu können, ohne interpretieren und auf jeden kleinen Satz des Autors achten zu müssen, daher betrachte ich den Inhalt dieses Buch auch oberflächlicher.

      Ich würde mich auf jedenfall über weitere deiner Kommentare freuen, denn sie geben die Möglichkeit sich über das Buch auszutauschen und genau das sollte ja der Sinn eines Blogs sein.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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